Theater-Dialog. Post-Covid-Rhapsodie.

 

 

 

Wie werden wir es angehen? Was? Die neue Nähe. Fuck, Alter, du bringst mich raus. Challenge: Ich nehme meine Hand und ich gehe durch die Knallfolie durch langsam in deinen intimen Bereich rein... Piff, paff. Fuck, ich kanns nicht! Man, ich hab mir das so oft vorgestellt. Was, wenn du das unangemessen findest oder du einfach Menschen jetzt hasst? Wie alle? Ich denke, man, was soll schon passieren. Nein, ich weiß, was passieren kann. Ich berühr dich und ich fühl es nicht oder ich fühl nur, dass ich so einen Druck kriege, dass ich aufhören muss. Und dann kann es sein, dass du mehr denkst, "was für ein weirdo", als dass du es vielleicht kannst. Verstehst du, was ich meine? Tu doch nicht immer so, als ob vor der pandemischen Sache alle alles so krass "gefühlt" hätten. Der intime Raum war weiter definiert, Alter. Vielleicht sind einfach jetzt alle mehr "imoschonel", als vorher. Fuck vorher, nachher. Alle stecken sich allein was rein, was man früher gegessen hat. An was zu essen kamst du ja immer ran. Denkst du, dass Leute sich z.B. Bratwürste einführten, ernsthaft? Ewoo! Das ist wirklich das Widerlichste aus der Massentierhaltung! Einfach nur gepresste Reste! Ich denke, keiner berührt sich. Ich denke, ohne Desinfektion würde ich meinen Schwanz nicht mehr anfassen. Dann kriegst du erst recht was. Manche reiben sich jetzt nur noch an harten Dingen. Manche rieben sich auch vorher schon an harten Dingen. Ich denke, die unbändige Lust in manchen, trotzdem gewinnen zu wollen, ist so stark geworden, wie nie. Gewinnen gibt ein kurzes Gefühl, Befriedigung, aber es macht die Nähe unerreichbar. Ich kenn welche, die haben gegessen, weil sie es konnten. Weisst du, was ich meine? Bei Corona. Sie hatten was, also aßen sie und wurden dick. Die meisten haben, wie MeisterInnen, Sport gemacht. Damit sie nicht dick werden. Damit sie nicht die Wände hochrennen. Damit sie nicht Möbel vom Balkon werfen oder brennende Zigaretten. Damit sie nicht nachts durch die Parks irren. Damit sie nicht einen Stau im Kopf kriegen, damit ihnen nicht die Gliedmaßen abfallen, abfaulen, abfingern. Damit sie nicht den Falschen applaudieren. Alles, was soundsolange nicht durchblutet ist, ist quasi tot, bald. Wenn sich alles im Kopf staut, weil der Rest abgeschieden oder verschieden ist oder abgestoßen oder abgefallen oder taub oder wie weg, dann platzt der irgendwann. Auch, wenn es wie ein Schmerz ist, sich zu bewegen, wenn man sich eigentlich nicht bewegen will? Sondern, weil man es nur tut, weil man alles Abfallen nicht will? Dann muss man es trotzdem tun und der Schmerz wird durch was anderes ausgetauscht. Alter, hast du auch einen Zahn verloren in der Pandemie? Nein, zwei.

 

Mein heimlicher Schmerz, den ich hiermit öffentlich mache, ist: Ich hasse Menschen jetzt. Manche, die einsam sind, lieben Menschen, und wenn sie welche vor sich haben, dann hassen sie sie. Alter, das ist voll nicht schlüssig. Vor lauter Menschen seh ich nur noch rot. Ihre Meinungen, Haltungen, Absonderungen, nerven, laut, egoistisch, wenn leise, keine Haltung. Klingt besser, wenn ich das so sage: Jetzt sehe ich sie, und ich sehe, wie einfallsreich sie waren, während des Lockdowns. Wie kreativ sie die Krise gestemmt haben und wie sie das mal richtig zur Achtsamkeit genutzt haben. "Eine nicht enden wollende Abfolge von Sonntagen", hach. (Für viele war es keinen Tag "Sonntag". Und viele arbeiten eh jeden Sonntag und viele haben Angst vor Sonntagen, eh.) Mir wird so "Manufactum", so "Blechbötchen fährt in Zinkwanne mit Dampfantrieb", so "Holzzwille klickert an mein Einfachglasfenster", so Brüten, statt Verhüten, so "Ed von Schleck"  und blutende Knie."

 

Blut macht mit mir nichts und nichts macht was mit mir. Ich suche immer nach was Krasserem. Im Netz gibt es echt so kranke Dinge, Alter. Warum guckst du das? Weil es langweilig ist sonst. Ich weiß einfach nicht, ob ich mir einen Hund kaufen soll oder einen kleinen Fruchtzwerg -so wertvoll, wie ein kleines Steak-, oder mir im Park von einem Kerl einen runterholen lassen soll. Ausprobieren? Als ich das mal wollte, bin ich schon auf dem Weg gekommen und dann bin ich weitergelaufen und bin zu Aldi rein und hab mir salzige Heringe gekauft und hab sie auf dem Rückweg gegessen. Ich gehe am Montag wieder ins Heimbüro und starre aus dem Fenster. Weil ich darin keinen Sinn sehe, in dem, was ich da tun soll. Eigentlich wäre ich gern ein Mauersegler. Mein Leben würde ich dafür sofort hergeben. 99% meines Lebens in der Luft, mit dem Wind treiben lassen.

 

 

Danke, dass ich mit dir reden konnte, ok. War es nur ok für dich? Nein. Wieso? Weil du es gesagt hast. Es war so, wie mit mir selbst reden, nur, dass du es gesagt hast. Wie egoistisch von dir. Immerhin hast du viel mehr gesprochen, als ich. Dann müsstest du eher an dich gedacht haben? Ich denke, ich höre mir noch ein Hörbuch an. Die klingen immer so nett, die Leute. Ja, oder? Sie klingen so, als würden sie alle Menschen mögen und die Worte, die sie lesen, auch.

 

Ihre Stimmen, so voller Liebe. Stimmt.

 

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