Das kleine Kälbchen Lilofee Eine Fabel für Erwachsene TEIL II

Lilofees Eltern

Da hinten ist noch ein Bisschen Kleegras, hm, hm, hmm. Das bringe ich jetzt meinem geliebten Schatz. Oha, was für ein saftiger Büschel. Den nehm ich mit, hm, hmm. Mein süßes Kälbchen dahinten wird sich freuen. Die Zeit, die man als Kälbchen hat, die ist so wichtig und die kommt doch nur einmal. Die mit lästigem Grassuchen zu verbringen... Ich wünsche ihr so sehr, dass sie ihre Zeit einfach weiterhin mit ihren geliebten Schmetterlingen verbringen kann. Die liebt sie doch so -und ich liebe sie. Sie ist doch ein Kälbchen. Kälbchen sollen Kälbchen sein dürfen. Hm, hm, hmm. Sie hat sicher Hunger.

„Papi, guck mal, der Schmetterschling dort!“ „Ich kann gerade nicht, mein Schatz, wenn ich hier weggehe, dann kann ich die Sonne nicht mehr abhalten. Mami kommt da hinten mit deinem Gras. Die kann sich ihn gleich ansehen.“ Hat sie mich jetzt verstanden?

Mein Arm fällt gleich ab. Aber, ich will, dass sie nicht nur die Hälfte sieht von ihren Schmetterlingen.

Heute ist es also soweit. Arme Lilo, ich hätte ihr so gegönnt, einfach ein Kälbchen sein zu können und nur zu tun und zu lassen, was sie will. Zum Beispiel Schmetterlinge studieren.

Na! Die blöde Fliege. Geh nicht auf mein Kälbchen, ja. Weg da! Ksch! Weg ist sie. Das stört, wenn sie die um sich herumfliegen hat; sie soll sich einfach entspannen. Ich liebe sie ja so. Lilofee, mein Kälbchen, ist mein ganzer Stolz. Heute also, gleich sagen wir es ihr, dass wir sie dabei unterstützen, ab jetzt mit den anderen zur Wasserstelle zu gehen. Tja, jedes kleine Kälbchen wird mal groß. Schade.

„Ah, da bist du ja. Sagen wir es ihr jetzt?“ „Ja. Es muss ja sein“, sagt Herma und blickt wehmütig zu Lilo hinüber.

Ich räuspere mich, meine Stimme ist so dünn. „Lilo, mein Engel. Mami und ich wollen dir was sagen. Ab heute gehen alle Kälbchen gemeinsam, ohne ihre Eltern zur Wasserstelle. Und du auch, weil du jetzt groß genug bist, um mit den anderen zu gehen, wie eine große Kuh“.  Ich habe einen Kloß im Hals. Ich bin froh, dass Herma jetzt auch was sagt: „Also, mein Schatz, Papi und ich gehen jetzt mal ganz vorsichtig aus der Sonne und dann geht es los, ja? Wir sind jederzeit da für dich, wenn du uns brauchst. Wir lieben dich ja. Und zwar über alles!“

Ich gehe einen Schritt nach rechts, langsam. Ich krieche eigentlich. Es fühlt sich an, als würde ich zulassen, dass die Sonne in den nächsten Sekunden meine Tochter, mein Kälbchen verbrennt -und ich bin daran schuld. Als würde ich einen Hahn mit schwarzem, heißen Pech über ihr öffnen. Als würde ich auf dem Mähdrescher sitzen, Lilo stünde vor mir und ich würde Gas geben. Mir wird schwach.

 

Oh Gott, Lilo schreit: „Aber, die Sonne ist gefährlich!“ Ihre Worte klingen plötzlich weiter weg, sie bilden ein Echo in meinem Kopf, dass mir schwindelig wird. Meine Hufe graben sich in die Wiese, wie nie zuvor. Ich muss jetzt stark bleiben. „Nein, das ist sie nicht. Hab keine Angst, mein Schatz“, rufe ich! Lilo ruft etwas, das ich nicht höre, weil ich so paralysiert bin.

Mein Kälbchen, mein geliebtes, kleines Kälbchen sieht nichts mehr. „...ich bin vielleicht tot!“, höre ich Lilo plötzlich schreien. „Tot, tot, toot, toooot“, hallt es in meinen Ohren nach. Was hab ich ihr angetan? Ich springe zu Lilo, hake sie unter, stütze mein kleines Kälbchen. Ich fühle mich so schlecht. Herma hat sie auf der anderen Seite gepackt. Ich hätte es wissen müssen. Das war zu hart, zu schnell zu schwer für sie.

 

Die anderen Kühe und Kälbchen werden auf sie aufmerksam. Haut ab, denke ich. Niemand braucht euch jetzt hier. Aber, je mehr Lilo schreit, desto interessierter kommen die anderen näher. Schwanzzuckend stehen sie da und glotzen. Lilo schreit mich an, sie könne selber stehen. Sie sei doch kein Baby und wir sollten sie loslassen. „Meint ihr vielleicht, ich kann nicht selber auf meiner Wiese stehen?“ „Na klar, du bist doch unser großer Schatz“, entfährt es mir. Doch, als ich mich zwinge, sie loszulassen, da fängt sie an zu taumeln und fällt auf die Wiese zu unseren Füßen. Es ist still.

Ich will meinem geliebten Kälbchen gerade helfen, aufzustehen, da springt es mich plötzlich an, schubst mich weg. „Ich bin nicht groß! Du lügst!“, schreit Lilo.

Ich schäme mich, will hin zu ihr und mich an sie schmiegen, ihr übers Fell streichen, sie trösten.

Ihren Papi hat Lilo gerade weggeschubst. Plötzlich beginnt unser Kälbchen auf der Stelle zu springen und nach mir zu schreien. Was passiert hier? Ich brauche einen Moment. Doch dann verstehe ich: Fliegen, ja! Mein Gott, die Fliegen auf ihrem Fell. Die kennt sie nicht, sie kann doch nicht... Mir wird schlecht. Alle starren sie an, sie muss sich so schämen. Da schreit sie mich an: „Mami, jag sie weg!“.  „Ich bin da Schatz“, möchte ich sagen. Doch ich rufe: “Nein, mein Schatz, du kannst es!“ Eigentlich möchte ich mich zwischen Lilo und die starrenden Kühe stellen. Lilo kämpft mit dem Gefühl, das die Fliegen auf ihrem Fell hinterlassen. Ich mit dem Gefühl, ihr nicht zu helfen. Lilos Schwanz knallt mir ins Gesicht. Das hat sie noch nie getan. Ich schäme mich.

Die Kühe feixen. „Du kannst es ja doch, mit dem Schwanz wedeln“, ruft ein Kälbchen. Jetzt lachen alle laut. Ich sehe zu Herma herüber und habe Angst, dass sie auf sie losgeht. Es sind Kälber, Herma, beschwöre ich sie mit meinen Augen. Sie sind noch klein. Mein Kopf platzt gleich.

 

Lilo schlägt aus, schreit, tritt um sich, haut drauf! Sie macht das schon, denke ich kurz. Dann sehe ich eine dicke Träne über ihr kleines Gesicht rollen. Meine Beine setzen sich sofort in Bewegung. „Wir lieben dich über alles“, sagen Herma und ich, wie aus einem Munde. Wir sagen ihr, dass wir immer für sie da sind, und dass sie es schaffen wird, zur Wasserstelle zu gehen und selbst Schatten zu finden... Doch, während ich es sage, lade ich Lilo imaginäre Steine auf den Rücken. Unter der Last sehe ich sie straucheln und wische das Bild hektisch weg aus meinem Kopf. Dann kommt es wieder. „..und du schaffst es auch, Fliegen wegzujagen“, höre ich mich laut und kräftig sagen. Ich hab das intelligenteste, süßeste und neugierigste, interessierteste und wundervollste Kälbchen, das alles schaffen kann, weiß ich im nächsten Augenblick wieder.

 

Da steht Lilo auf. Was macht sie denn? Sie...setzt ein Bein nach vorn, noch eins, das dritte und vierte. Sie geht! Es ist, als würde sie nie wiederkommen. Ich befehle meinen Beinen, stehenzubleiben.

Herma, was macht denn Herma da? Sie geht ihr hinterher! Schnell schließe ich zu ihr auf.

„Du weißt, dass das nicht gut ist, Herma. Mich hat sie geschubst, als ich ihr helfen wollte.“ „Ich will nur bis hinter die dicke Eiche. Von dort aus kann ich sie bestimmt sehen“, meint Herma. Und dann trotte ich mit. Ich bin da nicht stolz drauf. Aber, ich denke: Ja, von dort können wir sehen, was passiert und schnell da sein, wenn was ist. „Dann halten wir wenigstens Abstand“, sage ich.

„Ja, gut. Das ist gut“, flüstert Herma und sie klingt dabei, wie eine Weidenspionin und drosselt sofort ihren Gang.

Wir setzen nun konzentriert langsam einen Huf vor den nächsten, immer den Blick starr voraus auf das Hinterteil unseres geliebten Engels gerichtet. Lilo schaukelt von links nach rechts, aber sie setzt Schritt vor Schritt.

Einmal dreht sie sich um, bestimmt nach uns. Ein Stich in meinem Herz.

Bei der Eiche angekommen, hievt Helma sich mit den Vorderbeinen ein Stück den Eichenstamm hoch. Sie steht nur noch auf den Hinterhufen. Wir haben unser Kälbchen nämlich aus den Augen verloren. Herma hofft, Lilo so besser sehen zu können. Irgendwie ist sie hinter die anderen gerutscht. Ich beschwöre sie, schnell zu machen.  

Ich lehne mit den Hufen an der groben Rinde der Eiche, gleich kann ich rechts am Stamm vorbei.. Ah, ich falle!

Herma kommt ins Trudeln, wankt, taumelt. Ich kann sie nicht halten.

 „Au!“ Ein dumpfer Schlag. „Mein Kopf tut weh und mein linkes Vorderbein.“

 „Herma!“ Ich stürze zu ihr.

Sie ist plötzlich ganz still und ich sehe, wie ihre Augen glasig werden. Und dann verschwimmt auch mir der Blick. Sie schmiegt ihren Kopf an meinen -und wir weinen.

Nach einer schweigenden Weile finde ich Worte: „Sie wir es schon schaffen. Sie ist doch schlau und wir sind für sie da.“ „Aber, gerade sind wir nicht da. Ich wollte ihr so gern helfen, ihr schnell die Fliegen verjagen und diese lachenden Kälber hätte ich am liebsten, grrrrr, gleich mit verjagt.“, sagt sie. 

Wir machen uns auf den Weg zurück nach Hause und reden dabei so gurgelnd, wie eine Wasserstelle:

„Woher sie jetzt wohl Schatten bekommt? Hoffentlich findet sie auch das Wasser. Ich denke, wenn sie sich bewegt, dann müssten doch auch die Fliegen wegbleiben, oder? Was  meinst du? Kleegras erkennt sie doch, oder? Das müsste sie, ja. Ja. Sie erkennt doch ihr geliebtes Kleegras. Wächst da auch welches? An der Wasserstelle? Ja. Also, da müsste eine Stelle... warte mal. Ist da nicht ein kleines Feld Kleegras? Ich glaube ja. Doch, ja. Sie muss so müde sein vom Laufen. Das ist sie ja nicht gewöhnt! Nein.“

Schweigend laufen wir weiter. Die letzten Sätze hallen irgendwie nach in meinem Kopf: „Das ist sie ja nicht gewöhnt! Nein.“

Als wir an unserer Stelle auf der Wiese ankommen wird es schon langsam dunkel. Die Sonne geht bald unter. Sie werden doch sicher auf dem Rückweg sein... Es ist ja eigentlich nicht weit.

Da rennt Lilo schon auf uns zu. Die ganze Gruppe Kälbchen vor ihr, sehe ich Lilo gaaanz links hervorschauen –und rennen. Meine Güte, ist sie schnell. Ich hab sie noch nie rennen sehen.

„Da ist sie!“, schreit Herma und rennt Lilo entgegen. Ich hinterher. Endlich.

„Mami, Papi!“, hör ich sie rufen. Ich habe sie so vermisst. Meine Lilofee.

Sie wirft sich an uns heran, das sanfte Kälbchenfell. Wir kuscheln alle drei unser Fell aneinander. Unsere Lilo. Ich bin einfach glücklich.

„Was ich für einen Durst hab! Und ich will Kleegras, meine Mägen knurren!“, sagt sie. Herma sieht mich an und ich sie. „Hast du denn so viel gespielt, dass du noch Hunger hast?“, frage ich. „Und bist du so gerannt dass du schon wieder Durst hast?“, meint Herma.

„Nein. Ich habe Schmetterschlinge beobachtet und jetzt hab ich Hunger und Durst.“ „Hast du denn gar nichts getrunken an der Wasserstelle? Oder dir etwas leckeres Gras gezupft?“, fragt Herma.

„Das ist ja nicht so schlimm“, sage ich und streiche Lilo sanft übers Fell.

„Wir besorgen dir was, ja?“ „Morgen ist ein neuer Tag. Dann kannst du es wieder versuchen.“ Herma springt auf und ich hinterher, doch...

„Morgen will ich wieder bei euch sein. Dann will ich mich hier hinlegen und alles ist wie immer. Ich will Schmetterschlinge beobachten und sie euch zeigen und leckeres Kleegras kauen!“ Lilos Satz lässt uns innehalten. Ich nicke Herma zu, die Gras besorgen geht.

Und dann sage ich es einfach, weil ich weiß, dass es sein muss. Es kommt mir vor, als käme Gift aus meinem Mund, und trotzdem sage ich: „Aber, morgen, mein Schatz, musst du wieder zur Wasserstelle mit den anderen. Dann zupfst du dir selber Gras und schlürfst ganz frisch das Wasser an der Wasserstelle. Das ist jetzt jeden Morgen so.“ „Aber, ich will nicht“, sagt Lilo leise. „Aber du musst“, hauche ich mit gebrochener Stimme.

Herma hat Gras besorgt. Das saftige, das auch den Durst stillt. Während unser Kälbchen leise kaut, erzählt es noch was von einem gelben Schmetterling, der ernst aussah. Dann schläft es vollkommen erschöpft ein.

Nun sitzen wir schon eine ganze Weile da. Keiner käut wieder, unsere Augen ruhen nur auf Lilo. Da findet diesmal Herma Worte. „Was ist denn nur los mit ihr? Sie hat dich geschubst und mich mit dem Schwanz gehauen. Sie ist so konzentriert auf ihre Schmetterlinge, dass sie ihren Hunger und ihren Durst vergisst und die Fliegen werfen sie völlig aus der Bahn. Dabei sind es „nur“ Fliegen. Es ist so zart und sensibel, unser Kälbchen. Allein das spezielle Wissen um die Schmetterlinge und dass sie sehen kann, in welcher Verfassung sie sind...“

 

Ihr Gedanke hallt noch nach und formt sich in unseren Köpfen zu Ende.

 

„Müssen wir mit ihr vielleicht mal zur (Wald-und-)Wiesen-Psychologin?“, frage ich in die sternklare Nacht hinein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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